Für ein Frageliste-Kurzporträt wurde ich einmal gefragt, was mich an Mallorca am meisten nervt, und ich erwiderte: die Kälte. Das war ernst gemeint. Ich kann mich nicht erinnern, nach meinem Grundwehrdienst (im Winter, in Österreich) jemals wieder so oft so viel gefroren zu haben wie auf Mallorca. Anderweitig gab es nur anekdotische Kälte-Erlebnisse. Zum Beispiel im Fernsehraum eines Hotels auf der Halbinsel Yucatán, den die Klimaanlage auf gefühlte Null Grad heruntergekühlt hatte, und wo ich im kurzärmeligen Hemd zähneklappernd von einem „Rosaroter Panther“-Film mit Peter Sellers daran gehindert wurde, mich in den schwülen Patio zu retten. Oder in einem Touristenbus auf Kuba, mehr eine rollende Eistruhe. Auch ein Naturkälte-Trauma schleppe ich mit mir herum: Der Besuch eines Christkindl-Marktes in Wien, dessen bloße Erinnerung psychosomatische Frostbeulen produziert, konterkariert von der nonchalanten Art der Wiener, ohne Mützen und mit offenen Jacken die sibirische Kälte zu verhöhnen, während meine Familie nur darüber nachdachte, wie wir da lebend wieder rauskommen.
Dieselbe gut mit mir bekannte Spanierin, mit der ich heroisch den Weihnachtsmarkt überstand, erzählte mir eine Anekdote aus ihren ersten Jahren auf Mallorca. Die Familie hatte ein traditionelles Landhaus bei Biniali gemietet – riesig, romantisch, im Sommer schön kühl, im Winter saukalt. So sau-kalt, dass bei der abendlichen Rückkehr von Ausfahrten mit dem Auto alle noch lange, sehr lange sitzen blieben, Motor eingeschaltet und Heizung voll aufgedreht, bevor sie sich überwinden konnten, das Haus zu betreten.
Ein Geheimnis ist die scheußlich feuchte Winterkälte auf Mallorca schon lange nicht mehr. Schon George Sand hat in ihrem Buch „Ein Winter auf Mallorca“ eindrücklich beschrieben, wie sie und Chopin 1838/39 in der Klosterzelle in Valldemossa gebibbert haben. Auch stößt jeder Wandersmensch in der Tramuntana auf Reste riesiger aus Stein erbauter Schneehäuser, in denen die Insulaner Schneemengen zu Eis verarbeiteten, bevor elektrische Kühltechnik und wärmeres Wetter dem Spaß ein Ende bereiteten. Die Rede ist nicht vom modernen Klimawandel sondern vom Ende der kleinen Eiszeit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, während der sogar auf Seehöhe jährlich bis zu ein Meter Schnee fallen konnte und manchmal ganze Buchten zufroren. Mallorca produzierte damals so viel Natureis, dass das für die Medizin und Gastronomie so begehrte Kühlmittel sogar nach Menorca exportiert wurde. Fazit: Kälte hat Tradition auf der Insel.
Das Eiszeitchen ist zwar lange vorbei, doch geblieben ist die Manie, Häuser so zu bauen, als sei auch der Winter abgeschafft. In Notwehr haben die Mallorquiner Artefakte genutzt wie den Brasero (Kohlenbecken), ein Gefäß, dass man unter dem Tisch oder Bett auf den Boden stellte und traditionell mit Glut füllte. Das klingt genauso lebensgefährlich wie es war.
Zu den Winter-Tricks, die eine mallorquinische Tageszeitung empfahl, gehörte die beinahe schon verzweifelt klingende Empfehlung, an den Wänden Bilder aufzuhängen, um deren Isolationsfähigkeit zu erhöhen. Vielleicht erklärt das die auffallende Liebe der Insulaner zu den Bildenden Künsten.
Mein persönlicher Tipp: Im Winter nach Nordeuropa reisen. Dort ist es heimelig warm in den Häusern.
Kolumne in der Inselzeitung Februar 2025