Von einer beliebten Einkaufsstraße in Palma geht es seitwärts in eine Kopfsteinpflastergasse. Nach einem Szene-Lokal und einer Kunstgalerie wird es düster. An einem in keiner Weise gentrifizierten Altbau prüfe ich die Namen der Türklingel-Leiste. Jedes Mal. Das Haus ist in einer anderen Dimension beheimatet, oder jedenfalls in einem sichttoten Winkel meines Bewusstseins. Einmal habe ich die Verschwindibus-Adresse meines Hausarztes eine halbe Stunde lang gesucht. Irgendetwas …

Beim Drücken der Klingel ertönt ein Schnarrton wie im Horrorfilm. Eine enge Treppe hinauf, dann eine Tür, auf die mit Tesa-Film ein Papier mit den handgeschriebenen Öffnungszeiten geklebt ist. Klopf-klopf. Eine ältere Frau öffnet. Ihre Stimme erinnert an den Schnarrton. Vielleicht hat ein Comedy-Informatiker sie heimlich aufgenommen und damit den Haustürklingelton komponiert. Doch zweifle ich, dass dieses Haus je von einem Informatiker betreten wurde. Wahrscheinlich ist es in Google Maps inexistent und in Google Streetview klafft hier ein schwarzes Loch.

Die Rezeption. Eine verstaubte Theke, darauf ein paar Lieferanten-Werbegeschenk-Kalender, der aktuellste vom Vorjahr, der älteste von 2009. Nirgendwo ist Elektronik sichtbar, doch irgendwo ist das Lesegerät für Versicherungskarten versteckt. Gut versteckt.

Im Wartezimmer fällt mein Blick fällt auf ein elektrisches Gerät, noch verstaubter als alles andere hier, und ich rätsle über seinen tieferen Sinn und das Produktions-Jahrhundert. Aber nur kurz. Denn bald schon nimmt die Dame mir gegenüber Platz, lässt ein Smalltalk-Stichwort fallen und sieht mich so lange eindringlich an, bis ich alles erzählt habe, was mir einfällt. Beim balearischen Geheimdienst gelernt?

Der Arzt lässt bitten. Ich setze mich vor seinen Tisch, der aussieht, als hätte hier ein Altpapiersammler seine Tagesbeute abgeladen, darunter – wieder – historische Lieferanten-Geschenke-Kalender. Unter dem Eindruck der Szenerie vergesse ich alles, was mir wehtut. Der Doktor erinnert mich daran. Er langt in sein Chaos und zieht aus dessen Tiefen mit schlafwandlerischer Sicherheit ein Stück Papier hervor, auf dem in winziger Schrift meine Krankengeschichte hingekritzelt ist. Während er murmelnd in meinen Körperdaten versinkt, betrachte ich das barock verzierte, vergilbte Studienabschlussfoto. Immerhin ein Foto, kein Gemälde.

Dann ist Blutdruckmessen angesagt. Mein Doktor hält den gewohnten Vortrag darüber, wie gut das alte Blutdruckmessgerät funktioniert – er hält ein Artefakt in die Höhe, um das sich Kuratoren anthropologischer Museen prügeln würden – und wie schlecht das moderne – widerwillig greift er nach einem Gadget, das den Blutdruck an der Fingerspitze abliest. Dann misst er mit beiden und vermerkt das Ergebnis des Museumsstücks.

Am Ende verschreibt er mir etwas oder auch nicht. Die Sprechstundenhilfe fragt, wie es gelaufen ist. Auf dem Heimweg genieße ich das gewohnte Glücksgefühl. Hacker der Welt, mein Doktor freut sich auf euch!

Präzisierung: Auf dem Papierchaos thront eine Art Smartphone wie ein Raumschiff in einer Landschaft des Paläozen. Vermutlich behält mein Doktor damit die Uhrzeit unter Kontrolle.

Kolumne in der Inselzeitung März 2022